"Menschen" von Hans Prockl

Die Bilder von Menschen aus den Mühldorfer Gemeinden Buchbach und Schwindegg entstanden in den Jahren 2013 bis 2015.

Fotografie Hans Prockl (SONY R1) 

Layout Christine Ball (Heidelberg)

Druck Außerbauer "Präbst" Dorfen


Presse 
(SZ, Hans Kratzer)

Hörfunk 
(BR, Arthur Dittlmann)


Ein Vorwort

Angesichts der Bilder in diesem Band von Hans Prockl erstaunt mich doch, wie viele Menschen ihrer Tätigkeit stehend nachgehen. Dies fordert weit verbreitete Vorstellungen, dass sich der Mensch zu einem vorwiegend sitzenden Wesen entwickelt hat, heraus. Auffällig finde ich auch, wie sehr die physischen Anforderungen der verschiedenen Berufe – immer noch – ihre Spuren an Körper und Haltung der Ausübenden hinterlassen. Als ich vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal mit den fotografischen Arbeiten August Sanders, die den vorliegenden Band inspiriert haben, in Berührung kam, gingen mir ähnliche Gedanken durch den Kopf. Sanders Fotografien entstanden in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – also vor etwa hundert Jahren – in und um Berlin. Einige dieser Fotografien zeigen zeitgenössische Berühmtheiten, Künstler, Schriftsteller und Schauspieler. Nicht wenige von ihnen sind heute vergessen. Der größere und meines Erachtens viel beeindruckendere Teil der sanderschen Fotografien zeigt Stellvertreterinnen und Stellvertreter verschiedener Berufsgruppen – vom „Handlanger“ bis zum Großindustriellen. Auch viele der abgebildeten Berufe sind heute vergessen oder vom Aussterben bedroht. Im Gegensatz zu den zeitgenössischen Berühmtheiten ist es für mich als Betrachter angesichts der dargestellten Berufe unwichtig, ob ich die abgebildeten Personen kenne oder der Beruf heute noch existiert. Mein Interesse wird davon nicht getrübt, sondern vielmehr vom Hauch des Unbekannten angespornt: Ich will mehr über die Lebensbedingungen eines „Handlangers“ erfahren ohne aber deshalb wissen zu wollen, wer der Mensch auf der Fotografie gewesen ist. Die Person ist auf Grund der zeitlichen – und räumlichen – Distanz zu einem Typus geworden, hat ihre Individualität eingebüßt. Stattdessen hat sie ein neugiererweckendes Potenzial entwickelt, das im Augenblick der Entstehung der Fotografie kaum vorzusehen war.

Hans Prockls Fotografien im vorliegenden Band werden die darauf abgebildeten Personen überdauern ebenso wie die Fotografien von August Sander die abgebildeten Menschen und ihren Fotografen überdauert haben. Oder jedenfalls haben sie das Potenzial dazu. Obwohl Polaroid und Instagram den Weg zwischen Ablichten und Betrachten erheblich verkürzt und damit die alltägliche Funktion von Fotografien verändert haben, besteht das Versprechen dieses Speichermediums weiterhin, visuelle Eindrücke und Erlebnisse über Zeit und Raum hinweg aufbewahren zu können. Noch kann man – mit einer Ausnahme – sämtlichen in diesem Buch dokumentierten Menschen begegnen, sie kennen lernen und bei ihren Tätigkeiten beobachten. Jedem, der wie ich einen oder mehrere der abgebildeten Menschen kennt, wird es unmöglich sein, den persönlichen Eindruck und gemeinsame Erlebnisse mit der Person von deren Rolle als Arzt, Verkäufer oder Getränkehändler zu trennen. Betrachtern, denen dieser Bezug fehlt, mag es hingegen anders ergehen und der von den verschiedenen Personen ausgeübte Beruf wird von vornherein in den Vordergrund rücken wie es für mich beim Betrachten der sanderschen Fotografien gewesen ist. Mit wachsender räumlicher und zeitlicher Distanz wird eine solche Reaktion immer wahrscheinlicher. In Anbetracht der Vergänglichkeit der abgebildeten Menschen – und meiner eigenen – ist es tröstlich, dass sie mir und anderen wichtigen und lieben Menschen, die in diesem Buch versammelt sind, in Erinnerung bleiben werden. Wenigstens als typische Vertreter ihrer Berufe in einer bestimmten Region im östlichen Oberbayern am Anfang des 21. Jahrhunderts wecken sie hoffentlich Interesse und Neugier bei vielen Betrachtern heute und in Zukunft.  

Dr. Jakob Billmayer, Sundsvall im Mai 2015